It takes two for tango – It takes you for tango

Das leidige Tanzpartner”problem” kommt mir inzwischen zu den Ohren heraus: Ich kann nun mal keine passenden Tanzpartner backen! Punkt.
Es ist ja nicht so, dass mir jemals ein Vorwurf gemacht wurde. Trotzdem fühle ich mich irgendwie verantwortlich. Also frage ich hier, da und dort. Nothing. Der Eine will nicht mit uns “älteren” Frauen tanzen und der Nächste käme (ohne Auto)von außerhalb und zu später Stunde nicht mehr nach Hause. Ein Dritter sucht die Frau für`s Leben- darunter macht er`s nicht usw.
Die Frauen sind auch nicht viel besser. Kaum des Gegenübers gewahr geworden, heißt es schon: zu groß, führt nicht richtig, oder die Chemie stimmt nicht. Das erinnert mich doch an dieses Märchen von den Gebrüdern Grimm.;))

Ihr wisst, dass ihr in jedem Kurs auch ohne (idealen)Tanzpartner/in tanzen lernen könntet. “Nee”, höre ich, “ohne Partner ist doof”. Also gibt es den Single- Kurs, EXTRA für “ohne Partner”, damit sich keine/r wie das 3. Rad am Wagen vorkommen muss. Ich setze auf eure Bereitschaft, beide Rollen zu tanzen. Und? Eine Elevin will nicht führen, die nächste nicht mit einer Frau tanzen. Der Nächste nur mit einer bestimmten Dame. Soll ich weiter auflisten? Es ist einfach keiner und keinem recht zu machen. Aaarg! Mit 3 a !!!

Eigentlich kann es mir ja egal sein. Wenn euch die Bedingungen nun mal nicht nach der Nase sind, wartet doch einfach so lange, bis die Sonne im Westen aufgeht!
Und doch braucht es jeden einzelnen von euch, damit sich eine stabile Scene entwickeln kann.

PS: Tango zu tanzen erfordert sehr viel Eigenständigkeit. Zwei Menschen begegnen sich im Tanz, und jeder füllt seine Rolle klar und selbstbewusst aus. Nur so sind beide gleich stark und unabhängig (und sexy). Und das beginnt schon mit der Bereitschaft, auch allein loszugehen.

Aller Anfang ist schwer!

Wer kennt ihn nicht, diesen Spruch. Ich bin mit ihm quasi groß geworden- immerhin 1.60 m. Wer weiß, vielleicht hätte ich es mit etwas weniger Schwere im Kopf auf stattliche 1.75 m gebracht?

Aller Anfang ist schwer- je mehr ich darüber nachdenke, desto blöder finde ich diesen Satz, der sich von Generation zu Generation vererbt und garantiert nicht böse gemeint ist. Vielleicht sollte er Mut machen und Verständnis bekunden, wenn bei einem Neustart etwas nicht gleich gelingt? Nur, was passiert eigentlich dabei, wenn man derart imprägniert mit etwas Neuem beginnt? Das kleine Wörtchen schwer beinhaltet meist unbewusst Attribute wie z. B. mühselig – ohne Freude – sich durchbeißen und ähnliches. Mit genau dieser Idee programmiert man sich, auf dass sich diese selbsterfüllende Prophezeihung verwirkliche. Man schleppt sich durch die “Anfangs”Zeit, müht sich, strengt sich an und es geht in der Tat schwer voran. Oje! Wer bei so viel Anstrengung trotzdem durchhält, ist entweder Masochist oder will es echt wissen…

Meistens entsteht das Gefühl der “Schwere” genau dann, wenn man sich mit denen messen will, bei denen es so leicht aussieht. Nicht vergessen: die üben schon ein wenig länger! Seid also gnädig mit Euch selbt, wenn es nicht gleich auf Anhieb klappt, denn schließlich brauchen die Dinge nun mal ihre Zeit. Deshalb also mein Tipp: Entspannt Euch! Wie das gehen soll? Entspannung beginnt zuerst in den Gedanken. Schließlich ist man als “Anfänger” doch fein raus: man braucht noch nichts können, braucht mal keine „Leistung bringen” und keinen Plan haben und darf sich sogar „doof” anstellen und keiner nimmt es krumm.

Der Anfang braucht eigentlich weder schwer noch leicht zu sein, denn er ist, was er ist: der Anfang. Es bedeutet, dass man sich auf etwas Neues einlässt und eine neue Tür öffnet, um etwas noch bislang Verborgenes zu entdecken. Das ist natürlich eine Herausforderung, weil man vorher nicht weiß, was einen so erwartet. Dabei wird auch die eine oder andere Unsicherheit entdeckt, die es zu überwinden gilt. Lasst Euch also sagen, dass es sehr mutig ist, sich neu erfahren zu wollen, egal, ob man eine neue Sprache lernt, ein Instrument spielen möchte oder zum Tanzen geht.

 

Kleine Artenkunde der Nicht- Tänzer

 Als kontaktfreudiger Mensch komme ich ganz unproblematisch mit anderen meiner Spezies ins Gespräch. Schnell klopft man sich ab, um festzustellen, ob und welche (überlebenswichtigen) Gemeinsamkeiten es gibt. Und natürlich bleibt das Thema Tango nicht unangetastet.

Die Reaktionen darauf sind so verschieden, wie die Natur für Artenreichtum sorgt.

Nicht selten fängt mancher/manche, eben noch fahl und grau wirkend, sehnsüchtig an zu leuchten. Manch einer bestaunt und bewundert die Tänzer, wie sie ihre Beine ineinander verknoten und schmerzfrei wieder auflösen. Andere wiederum winken gleich ab, wie einer, dem auf der Straße eine Zeitung oder Meinungsumfrage aufgeschwatzt werden soll. Und neulich hatte mein Gegenüber sogar einen plötzlichen Anfall von Schüttellähmung, begeleitet von einem laut ausgerufenen “Brrr”  (mit 6 r),  so als hätte ich ihm eine Ladung kaltes Wasser ins Gesicht geschüttet oder mindestens von einem eitrigen Geschwür erzählt.  

So wie es aussieht, lässt sich die Welt in 2 ganz klare Kategorien einteilen: Die Tangotänzer und die Nicht- Tangotänzer. Das heißt also: WIR und Der Rest der Welt. 

Den Rest der Welt, höchstwahrscheinlich in der Mehrzahl, möchte ich euch gern mal vorstellen.

Da gibt es also die Totalverweigerer. Als ob es um den Kriegsdienst ginge. Als Ergebnis bisheriger Umfragen trifft dies in der Tat mehr auf Männer zu als auf Frauen.

Daneben gibt es die, die NEIN sagen, aber eigentlich JA meinen. Irrtum: nicht die  Frauen. Genaueres Nachfragen ergab folgende Unter- Einteilung:

Die einen würden ja Tango tanzen, wenn sie es könnten. Kleiner Tipp: es zu lernen ist durchaus möglich. Nur wird in dieser Sozialisationsform das  “Etwas-nicht- gleich- können” als Schwäche angesehen. Schade.

Die anderen würden vielleicht auch, aber wie soll Mann das in seinem unmittelbaren Lebens- Umfeld  durchkriegen, ohne fortan als Softie gebrandmarkt zu sein? Wie peinlich! Dabei stärkt gerade der argentinische Tango die männlichen Attribute: sagen, wo´s langgeht, klar sein Revier markieren usw. Nicht, dass Mann es nötig hätte.

Die Nächsten, wieder die verehrten Herren, trauen sich nicht, besser gesagt: sie trauen es sich nicht zu. Mensch Männer: ihr sollt doch nicht den Drachen für uns töten. Gebt euch ´n Ruck, vielleicht tötet ihr den Drachen in uns!

Wieder andere denken, sie könnten gar nicht tanzen. Die frohe Botschaft lautet: Tango ist gar kein Tanz! Es wird eigentlich nur ein Fuß vor den anderen gesetzt oder auch dahinter. Und das nennt man Gehen. Kann eigentlich jeder.

Die Nächsten berichten von ihrer Tanzschul- Zeit und sind “geheilt”. In der Fachsprache nennt man das jedoch Trauma. Doch vielleicht ist ja heute alles anders als damals? Es lohnt sich allemal, festzustellen, dass man sich nicht auf die Vergangenheit festzulegen braucht.

Dann sind da noch die, die von sich meinen, kein Rhythmusgefühl zu haben. In der Tat tun sich manche etwas schwerer, aber wenn sie sich unbeobachtet fühlen, oh Wunder! Rhythmus hat doch wirklich jeder, denn das ist das Erste, was dem Menschlein schon im Mutterleib widerfährt: das Getragen werden von Schritt zu Schritt.

Dann sind da noch jene, die zwar gerne wollen, aber leider viel zu buisy sind. Andere wollen sooo gerne, aber dauernd kommt was dazwischen.  Solche, die Tango schick finden, aber die Musik nicht mögen. Wider andere  glauben, man müsse so fit wie ein olympia-reifer  Hochleistungssportler sein.

Einige kommen ihrem Partner zuliebe mit. Diese opferbereite Geste könnte den willigen Part endlich mal davon überzeugen, dass es keinen Zweck hat. Sie tun dann auch wirklich alles dafür. Doch manch einer entdeckt tatsächlich Spaß und siehe da: Es scheint eine gewisse Zukunft zu haben.

Und jene, wo die Partner (falls vorhanden)  absolut gar nicht mitwollen? Alleine losgehen?!  Machen bereits einige und das ist super.  

Ihr seht, wie vielfältig die Ausreden sein können, um sich selbst im Weg zu stehen. Ihr könnt anstelle von Tango auch andere Sachen einsetzen.

 

Tango und Beziehung: Ein Stück miteinander gehen.

- Artikel erschienen in der “Leib & Seele” (Herbstausgabe 2015)-

Als das Angebot kam, einen Artikel über Partnerschaft und Tango zu schreiben, war ich davon überzeugt, dass sich dies schnell und easy machen ließe. Schließlich habe ich als Tanzlehrerin jede Menge eigene Erfahrungen zu dieser Thematik und stoße beim Tanzen und Beobachten immer wieder auf neue Aspekte. Seid mir bewusst ist, dass dieser Artikel dann auch als Aushängeschild für mich und meinen Unterricht steht, ist er zu einer besonderen Herausforderung geworden.

Man sehe es mir also nach, wenn ich den Teil, wie sich im gemeinsamen Tanz die Beziehungsfähigkeit eines Paares wiederspiegelt, aus taktischen Gründen überspringe. Und die Tatsache, dass mit jedem einzelnen Schritt auch offenbart wird, welche Beziehung jeder zu sich selber hat, lasse ich am besten auch außen vor.

Doch genau daraus besteht der Argentinische Tango: aus dem Ich und dem Du. Jeder gibt sich mit allem was er hat in den Tanz hinein. Mit all der Aufmerksamkeit für sich selbst und für den anderen, mit seinen emotionalen und sozialen Kompetenzen und Unsicherheiten, aber auch mit allen Erwartungen, die man insgeheim an den Partner richtet.

So erinnere ich mich noch ganz deutlich an meine ersten Tangoschritte. Das Gehen, was alleine so problemlos funktioniert, wie ich meinte, war gemeinsam mit meinem Partner alles andere als erfolgreich. Ich stolperte von einem Bein aufs andere und klammerte mich an – soll er mich doch halten! Das tat er, so gut er konnte und so schlingerten wir gemeinsam übers Parkett. Ich dachte: ER muss machen, damit es funktioniert. Natürlich fühlte er sich überfordert und ich war wieder mal unzufrieden.

Bis dahin hatte ich einige unerfüllte Partnerschaften hinter mich gebracht und insgeheim meinen Partnern die Schuld dafür zugeschoben. Es war eben noch nicht der richtige dabei! Mir wurde klar, dass ich die Verantwortung für mich und mein Lebensglück auf meinen jeweiligen Partner übertragen hatte. (Als Single passierte mir das nicht! Da mussten dann die widrigen Umstände als Sündenbock hinhalten.)

Was hat nun der Tango mit Beziehung zu tun? Er lehrt uns die Prinzipien und Aspekte einer Beziehung. Anders als bei den standardisierten Tänzen ist er ein Paartanz, bei dem alles improvisiert wird. Er vermittelt keine Sicherheit über auswendig gelernte Schrittfolgen, bei denen jeder weiß, was er/sie zu tun hat. Die gemeinsame Bewegung organisiert sich über die Verbindung, die beide Partner miteinander suchen. Über die Instrumente „Führen und Folgen” wird die Körpersprache zum Mittler, um einen gemeinsamen Dialog zu gestalten. Dabei wird schnell klar, ob man eine gemeinsame Sprache spricht und ob man weiß, wovon gerade die Rede ist.

Im Tango sieht das so aus: Ein Schritt ist ein Schritt, eigentlich ganz klar. Denkt man gar nicht, dass die Idee, diesen Schritt tatsächlich und mit aller Konsequenz zu gehen viel Entschlossenheit und Mut erfordert. Und dabei ist auch noch die Entscheidung zu treffen, ob dieser eine Schritt mit links oder mit rechts, nach vorn oder nach hinten, seitwärts gegangen oder aber dabei gedreht werden soll. Weil wir uns vorher nicht abgesprochen haben, wann es losgeht, mit welchem Bein und in welche Richtung, muss dieses alles deutlich mitgeteilt werden. Der/Die Folgende weiß also vorher nicht, wohin die Reise geht. Spannend und beängstigend gleichermaßen. Es gibt keine Sicherheit, nur die Verabredung, immer voreinander zu bleiben und darüber die Verbindung zu halten. Ist die Bewegung erst mal angestoßen, braucht man sich „nur noch” dem Fluss zu überlassen. Es entsteht eine wechselseitige Dynamik von reden, zuhören, antworten. Im Idealfall wird die Absicht klar übermittelt und es kommt eine ebenso klare Antwort zurück. Oft entstehen jedoch Missverständnisse, die dann ganz neue und einzigartige Ideen, Möglichkeiten und Lösungen hervorbringen, wenn man nicht auf Falsch und Richtig beharrt.

So gesehen ist das, was miteinander getanzt wird, die gemeinsame Beziehung und das, was dabei entsteht, egal, wie es sich darstellt. Das, was beim Tanzen miteinander erlebt wird, lässt sich weder von außen beurteilen noch nachvollziehen. Sich gemeinsam in der Bewegung erleben und dabei etwas miteinander teilen, was nicht erklärt werden muss.

Wer mit dem Führen beginnt, wird mit dem Thema Verantwortung konfrontiert. Für die meisten Menschen bedeutet Führen (Ehe bzw. Partnerschaft führen, Angestellte führen,…), für den folgenden Partner zuständig zu sein, für ihn mitzudenken usw. Das will eigentlich keiner, und trotzdem kommt man aus der Nummer scheinbar nicht raus, weil man kein klares Bild dazu hat. Der Tango lehrt, dass jeder für seine eigene Bewegung selbst zuständig ist und dafür die volle Verantwortung übernimmt. Jeder steht für sich allein, jeder geht für sich allein und trotzdem tanzen wir zusammen. Wie verträgt sich das denn mit dem Führen? Die Führung gibt die Richtung, ebenso Zeit und Raum. Ich bekomme also den Impuls für meinen Schritt und die Richtung, der Schritt selber und wie ich ihn ausführe, obliegt ganz mir. Ich fülle diesen so aus, wie es mir gerade beliebt. Ich kann dies um so besser tun, je klarer ich meine Körperteile sortiert habe und genau spüre, wo ich bin. So fühle ich mich sicher mit mir und kann mich angstfrei auf mein Gegenüber einlassen. Genau genommen beinhaltet der Tango sämtliche Aspekte des Umgangs mit sich selbst und miteinander, ganz egal ob man mit seinem Partner tanzt oder nicht. Ganz behutsam kann man beim Tanzen die eigenen Irrungen erkennen und entwirren, entdeckt sich und den anderen ganz neu, und Spaß macht es obendrein. Und dabei ist und bleibt es nur Tango!

 

Tango

ist 

Beziehung

 

Einen Partner zu haben, bedeutet noch lange nicht, auch eine Beziehung zu ihm zu haben.

Oft genug leben wir karrieregeeichten Ich-Performer bloß neben den anderen Menschen her. Wir merken weder, wer unsere Partner überhaupt sind, noch was die mit einem selbst zu tun haben und schließlich vergeht bei all dieser Ichbezogenheit auch der Blick dafür, wer dieser “Ich” denn eigentlich ist, mal abgesehen von einer Ansammlung unerfüllter Bedürfnisse.

Natürlich kann man sich auch beim Tangotanzen in Routinen flüchten, jeden Kontakt vermeiden, und nur so tun, als machte man etwas gemeinsam. Es geht, ja, aber es geht nicht gut, und vor allem: Es macht keinen Spaß.

Tango und Beziehung ist dasselbe. Wenn ich einen Schritt mache, und will daß mein Partner den mit mir mitgeht, dann muss ich ihm das mitteilen. Wenn ich den Schritt mitgehen will, muss ich merken, was mein Partner macht. Und das geht nur, wenn wir in Beziehung zueinander stehen. Im Tango lernen wir vor allem eines: Tango tanzen. Ganz nebenbei können wir aber auch eine Menge über uns und die Art, wie wir unsere Beziehungen ausgestalten, lernen. Was es bedeutet, einen Schritt klar zu gehen (eine Entscheidung zu treffen und sie umzusetzen). Wie ich den eigenen Raum ausfülle, ohne den Raum des anderen zu verletzen (Selbstbewußtsein , Haltung und Respekt). Nicht zuletzt, mir darüber klar zu werden, ob ich gerade führe oder folge.

Im Tango führt der Mann und die Frau folgt. Es ist auch eine Aufgabe, diese Rollen erstmal anzunehmen und in der Konsequenz auszufüllen. Gerade für Paare, die im Alltag diese Rollen umgekehrt haben eine unschätzbare Erfahrung. Führungsgewohnte Frauen entdecken die Freiheit, zu vertrauen. Verständnisinnige Männer lernen, selbstbewußt Entscheidungen zu treffen. It takes two to Tango. Gerade, weil man Tango nicht alleine tanzen kann, hat man so wenig Chancen, sich hinter seinen Fehlern zu verstecken und vor Entwicklungen zu drücken.

Es ist eine mutige Entscheidung, Tango zu tanzen. Ebenso wie es mutig ist, in der Partnerschaft zu sich selber zu stehen, um eine echte Beziehung aufzubauen. Auch das ist Tango: Um gemeinsam tanzen zu können, muß ich für mich alleine stehen können. Nur aus zwei selbständigen Menschen wächst eine Gemeinschaft. Solange ich den anderen brauche, um mich an ihm festzuhalten, bleibt der Tanz schleppend, und so schleppt auch die Beziehung.

Erklär mir Tango!

 Die Begrenztheit meiner Sprache treibt mich noch in den Wahnsinn! Ich denke doch tatsächlich, dass ich alles mit Wörtern ausdrücken kann. Die Sache mit dem Tango zum Beispiel. Jeden Morgen nach dem Aufwachen, vermutlich schon während dessen, wenn nicht sogar noch davor? überlege ich, ob ich es heute schaffe, der Welt zu erklären, was Tango ist.  Aus welchen Figuren der Tanz besteht und wie man diese sinnvoll aneinanderreiht? Das ist eine Sache des technischen Know-how.  Kein Problem. Ich unterrichte gerne Technik und gebe mich noch viel lieber dem ganzen Detailreichtum hin. Doch wieviel Technik ist sinnvoll,  um die Musik zu hören, die Umarmung zu genießen und die Verbindung zu spüren, die zwei Menschen etwas miteinander teilen lässt? Will ich Worte finden, damit die Eleven am besten gleich in der ersten Stunde verstehen, worum es geht?

Ich leite Menschen an, sich aufeinander einzulassen und eine gemeinsame Begegnung zuzulassen, die nicht erklärt werden muss.

Wieviel Worte braucht es, um das zu erklären? Mein Mann sagt na so 1000 Seiten ungefähr. Er freut sich jetzt schon auf das fertige Manuskript … Na ich weiß nicht so recht. Tangobücher gibt es mehr als genug. Ich schreibe ein Tangotagebuch und übergebe Euch meine Gedanken- gern zum Weiterdenken.  

„Man muss das Leben nicht verstehen, dann wird es werden wie ein Fest.“ (Rainer Maria Rilke)

 

Gedanken über eine Tanda

Am Rande: Eine traditionelle Milonga besteht aus mehreren Tandas. Dazwischen wird eine Cortina- ein Zwischenstück gespielt. Eine Tanda (= Reihe) besteht meist aus 4 Musikstücken, die vom Charakter ähnlich sind. Darauf kann man sich dann gut einlassen und erlebt keine ´Überraschung`. Mit der Cortina (=Vorhang) wird eine Tanda beendet und eine neue eingeleitet. Neulich war ich auf einer Milonga mit unglaublich vielen Tänzern. Ich hatte also das Vergnügen, mit vielen unbekannten übers Parkett zu schrammeln, zu schweben oder zu fegen. Manchmal habe ich innerlich geschnurrt und manchmal war ich einfach nur  sauer und bockig- und zwar in eben dieser Reihenfolge. Mir sind Tänzer begegnet, die mit viel Ruhe eine wohlgefällige Umarmung angeboten haben, in die ich mich nur noch reinzulegen brauchte. Grundstein für Vertrauen und Geborgenheit gelegt und der Schnurrfaktor hoch. Und andere, die gleich mit der Tür ins Haus fielen, ohne zu wissen, wer dort wohnt. Mögt ihr gerne überrumpelt werden? Ich für meinen Teil fühlte mich damit dann doch ein wenig überfordert. Schlecht Laune- Gefahr groß, Erlebnisfaktor ebenso- was hätte ich sonst mitzuteilen? Beim Sinnieren über die Natur der Dinge und den Tango kommt mir plötzlich ein  Vergleich: Eine Tanda mit jemandem zu tanzen,  könnte dem Lauf der Jahreszeiten entsprechen. Der erste Tango ist wie der Frühling: wie der erste Krokus sich vorsichtig aus der Erde schiebt, sucht man in der Umarmung behutsam nach einem gemeinsamen Wohlfühlen. So wie das erste Grün, zart noch und verletzlich, uns anlächelt, entscheidet der erste Tango mit nur ein paar Schritten darüber, ob und wie wir zueinander finden. Wir atmen auf (oder auch nicht). Dann kommt auch schon der betörende Fliederduft und es wird bunter. Das ist dann der zweite Tango, wo man Schritt für Schritt auslotet, was so alles geht. Üppig ist der Sommer und Spätsommer- da kann es im 3. Tango turbulenter zugehen und so wie in der Erntezeit die Mähdrescher rattern, ist das genau der richtige Zeitpunkt, auch beim Tanzen „schwerere Geschütze“ aufzufahren.  Nun können Herbst und Winter kommen. Wenn man sich ausgetobt hat, darf es jetzt etwas ruhiger werden. So können wir uns erfüllt und zufrieden in der Cortina voneinander verabschieden und behalten uns in angenehmer Erinnerung. So habe ich es, selten zwar, erleben dürfen – das waren Augenblicke, in denen ich mich eins fühlte mit der Welt und mir. Ein Appell an die Männer: Lasst es bitte nicht gleich im ersten Tango krachen. Worauf sollen wir uns denn sonst noch freuen, wenn gleich alle Pfeile auf einmal verschossen werden? Ein Appell an die Frauen: Erwartet nicht zu viel von den Männern und seid nicht so voreilig!

 

Was sollte das denn werden? trifft: Es ist, was es ist

Wenn man als Führender herumkommt und in „fremden“ Tangosalons seine Abenteuer besteht, kann es schon mal vorkommen, dass Mann von den offensichtlich erstaunten „fremden“ Frauen gefragt wird, was es denn werden sollte, was man da gerade tanzt. Wieso? – geben ebenso erstaunte Männer dann zurück. Es sollte nichts werden. Es ist, was es ist. Dass die Sache mit dem Führen und Folgen und dem „sich wortlos verstehen“ offensichtlich doch nicht so easy ist, wirft so manchen Romantiker aus dem Tangohimmel. Nun taucht die eine oder andere Frage auf, z.B. ob man denn richtig ist, mit dem, was man kann oder ob es wohl gut genug ist? Oder ob die Tänzer woanders was anderes lernen würden usw. Wenn ich mir vorstelle, dass ein Tänzer mit wenig Tanzerfahrung all seinen Mut zusammen sammelt, um mit einer unbekannten Dame zu tanzen, dann ist das, wie ins kalte Wasser zu springen. Er hofft, dass man es ihm nicht anmerkt und wünscht sich, dass wenigstens seine Hände trocken bleiben… Er tanzt, was er in seiner Heimat gelernt hat und sie erwartet, dass etwas kommt, was sie gelernt hat. Eine (ebenso unsichere) Tänzerin, die damit nicht „bedient“ wird, gleicht dann mit ihren Bildern ab, ob es denn dies oder jenes sein könnte oder sollte und wenn nichts von alledem „stimmt“, dann ist Frau schon mal irritiert und fragt nach. Lasst euch nicht verunsichern, Männer! Wir Frauen sind nämlich auch oft unsicher und haben Angst davor, etwas “falsch” zu machen. So lädt eben jeder die eigene Unsicherheit beim anderen ab. Üblicherweise funktioniert die Tangokommunikation, egal bei welchem Lehrer ihr lernt, nach den gleichen Prinzipien. Und doch: So viele Tangolehrer es gibt, so viele Ideen gibt es, Tango zu unterrichten, denn jeder Lehrer gibt das, was er gelernt hat, so weiter, wie er es verstanden hat. Das macht schließlich die Vielfalt beim Tango aus. Spannend wird es doch dann erst, wenn die von den verschiedenen Ideen geprägten Schüler auf der Milonga zusammen tanzen. Dann wird schneller als im eigenen Stall klar, dass der andere eben doch von einem anderen Planeten kommt. Nun kommt es darauf an, die einzelnen Tangovokabeln nicht schon im Vorfeld zu interpretieren, sondern gemeinsam an einem Satz zu bauen. Gerne auch mit mehreren Nebensätzen. Trotz gemeinsamer Fremdsprache benutzt jeder die Vokabeln ein klein wenig anders und hinzu kommt noch die eigene Aussprache. Wenn man auf den anderen neugierig ist und bereit, sich auf ihn einzulassen, macht das Sätze bauen Spaß. So kann man sich austauschen und es kann etwas Gemeinsames entstehen, was nur in dieser Konstellation und in diesem Augenblick möglich ist. Sonst könnte man doch auch Standard tanzen? Also: Egal, wie und was: die Offenheit gegenüber dem „Anderssein“ des jeweiligen Tanzpartners sollte an vorderster Stelle stehen. Und: Wundert euch über gar nichts. Oder aber: Genießt das Wundern! PS: Frau fragt nach, was es denn sein soll. Mann fragt auch (nur eben in Gedanken) „Hab ich das geführt?“ Ach Frauen: Lasst euch doch einfach nur führen…

Tango und der ganze Rest

Mein Gedankenkarussell dreht sich seit vielen Jahren schon um die Frage nach dem Tango. Die vorläufige Antwort erhielt ich beim Müßiggang. Also: Neulich konnte man Andreas und mich im Tangolito beim „Rumsitzen“ und Teetrinken ertappen. Wir sitzen also, schweigen und lauschen in den Raum, der voller Klang ist. Carlos Libedinskis „narcotango“ lullt uns ein. Musik, die uns gefällt. Schließlich gesellt sich zu den Tönen die Frage von Andreas, wo denn da der Tango bleibt? Na ja, ich für meinen Teil kann den Grundrhythmus deutlich erkennen, oder doch nicht? Und überhaupt kann man doch auf alles Tango tanzen? Ich kann ohne Probleme die sogenannten Tangofiguren in jede Musik und sogar ohne formen. In Finnland tanzen sie doch auch Tango, und zwar nicht ausschließlich nach dem typischen Tangorhythmus, sondern nach  Foxtrott, Humppa und Walzer. Diese Musik für sich genommen ist kein Tango, aber die Tänzer schert das nicht- sie tanzen trotzdem dazu Tango und haben Spaß dabei. Definieren die Tänzer also den Tango darüber, ob sie zur Musik Tango tanzen oder nicht? Wir schweigen wieder. Die Frage nach dem Tango schwebt über uns wie eine Wolke  und wird von Libedinski  in die Länge und in die Breite gezogen. Als ich das Fenster öffne, schwirrt sie leider nicht wie erhofft ab. Ich lasse mich wieder auf die Musik ein und fühle plötzlich, wie sie sich eine offene Tanzhaltung einfordert. Aha! Die Umarmung nimmt mich nicht mehr mit- sie lässt mir die Wahl. Ich folge der Musik, wie ich es gerne möchte und dem Partner natürlich auch, nur mit ein paar mehr Freiheiten. Aber immerhin tanzen wir zusammen- so als emanzipierte Beziehung eben. So weit, so gut. Hat seinen Reiz, doch: will ich das, ich meine wenn ich Tango tanze? Meine argentinische Freundin  Maria kommentierte die moderne Tangogeneration mit dem Satz, dass  sie es nicht Tango nennen sollen. Maria muss es wissen! Sie wurde schließlich schon im Mutterleib im tangotypischen 4/4 und 4/8 Takt umhergeschaukelt und saugte den Tango mit der Muttermilch und mit jedem Atemzug ein. Natürlich kann unsereiner da gar nicht mitreden- der kulturelle Unterschied ist  eben doch nicht unerheblich und ebenso das Rollenverständnis von Mann und Frau, ganz zu schweigen von dem dazugehörenden Lebensgefühl. Ich will den Rhythmus besser verstehen – rein  musiktheoretisch, sozusagen.  Mit  Andreas  am Klavier ist das kein Problem. Wir machen eine Zeitreise und ich erfahre neben politischen Hintergründen  die verschiedenen Möglichkeiten, Rhythmus zu spielen. Aus der kubanischen Habanera wird der Tango, der quasi in jedem Jahrzehnt neu dekoriert wird. Das Tempo verändert sich, mehrere melodische Ebenen eröffnen neue gestalterischen Möglichkeiten usw. Mit Piazolla wurde der Tango als Tango Nuevo neu generiert. Die einen sagen, Piazolla sei nicht tanzbar- die anderen betrachten es als Herausforderung, und schon ist die Tango- Welt in 2 Lager gespalten. Gotan- Projekt und Otros Aires haben dem Tango mit Elektrobeats ein neues Outfit verpasst und mit dem Neo- Tango bin ich nicht mehr auf dem Laufenden. Man muss ja nun auch nicht jeden Trend mitmachen, oder? Wie auch immer: mir wird klar, dass sich der Tango im Laufe der Jahre verändert hat. Was soll`s? Leben besteht nun mal aus Veränderung. Das Futter muss nicht mehr erjagt werden und die Frau ist nicht mehr nur das Weibchen am Feuer. Inzwischen haben wir die gute alte Postkutsche gegen den ICE eingetauscht, und eine Reise zum Mond kann man bestimmt auch bald buchen. Warum also dem Tango nicht auch seine Entwicklung zugestehen und die Grenzen erweitern? Ja aber was genau ist er denn nun, der Tango? Rhythmus, Umarmung, Gefühl? Ich will den wahren, den wirklichen Tango  -leibhaftig-  und nicht den ganzen modernen Quatsch. Auf den Milongas erfahre ich den Tango als Tänzerin und als stille Beobachterin. Ich nehme an sinnlichen und innigen Augenblicken  ebenso teil wie an Eitelkeit und Selbstdarstellung, und das ist wirklich in jeder Stilrichtung  des Tangos unverkennbar. Wie nun  jeder einzelne Tänzer den Tango erlebt, daran kann ich allerdings( leider!) nicht teilhaben. Mir wird endlich klar, dass ich nur MEINE Wahrheit jenseits von Richtig oder Falsch finden kann. Denn der Tango ist einfach nur der Tango- den Rest machen wir obendrauf.

Die Tangonacht auf dem Belvedere

Unbestreitbar der Höhepunkt des Neubrandenburger Tangojahres war der Sommerabend auf dem Belvedere. Bestes Wetter und die Live- Musik der Band “Eine kleine Sehnsucht” begleiteten die Tangotänzer, die von nah und fern angereist waren, durch den Abend bis in die Nacht hinein.

Tango und Respekt Teil 2

Wie  sich die Menschen auf der Tanzfläche begegnen, ist immer wieder interessant und des Nachdenkens wert. Neulich ging es hauptsächlich um Beobachtungen, die das Verhalten von Männern gegenüber unerfahrenen und scheinbar uninteressanten Tänzerinnen hinterfragten.  Natürlich gibt`s das auch andersherum, denn wir Frauen sind nämlich nicht nur die armen Opfer, wie es den Anschein erwecken ließ… Denn…wir schieben unsere Seligkeit beim Tanzen gerne mal den Männern in die Schuhe. Einfühlsam sollen sie tanzen, möglichst abwechslungsreich und uns natürlich Zeit lassen beim Ankommen und Drehen! Überhaupt wäre es  doch am allerbesten, wenn sie erahnten, was wir gern tanzen möchten (wenn wir das selbst nur wüssten!). Außerdem sollen sie uns gern im Arm haben, uns beim Tanzen gut aussehen lassen, uns zum Schnurren bringen und so weiter. Na Prost Mahlzeit. Wenn ich das alles erfüllen  sollte, ginge ich lieber gleich gar nicht an den Start. Schon die Art und Weise, wie manche Tänzerin die dargebotene Umarmung annimmt, fördert oder schmälert das gemeinsame Tanzvergnügen. Steht sie mit gestrecktem Rücken, hochgerecktem Kinn und lauerndem Blick vor ihm, weiß er schon, was ihm bevorsteht. Wer davon unbeeindruckt bleibt, ist klar im Vorteil. Manch einer lässt sich aber doch einschüchtern. (Kleiner Tipp an die Führenden: vielleicht betrachtet Ihr es als Herausforderung, um euch frei zu machen, irgendwelchen Erwartungen standhalten zu müssen.)

Wo bleibt er denn nun, der Respekt? Die Wertschätzung gegenüber dem Partner, die Dankbarkeit, dass es den „Anderen“ gibt. Und dass er mit mir tanzt. Mit wem wollt Ihr Euch sonst austauschen, Erfahrungen machen und, und, und. Und überhaupt wäre das Leben ohne mein Gegenüber doch ganz schön langweilig, oder!?

Jeder möchte geachtet werden, und zwar so, wie er ist. Mein Gegenüber zu respektieren setzt voraus, ihn als gleichwertig zu erachten. Dem anderen Menschen zuzugestehen, dass er unabhängig seiner sozialen Stellung, Bildung, Kleidung, Redensart oder sonstwas auch ein Leben hat, welches reich an Erfahrung ist, erfordert schon viel Größe. Habe ich die nicht, setze ich den anderen herauf oder herunter. Begegne ihm mit Ehrfurcht oder Missachtung, wie im Tango so im Leben. Schaue ich hinter all diese Masken, sehe ich jede Menge Ängste, die ich überspielen will und unerfüllte Bedürfnisse, die der andere mir erfüllen soll. Sich aufspielen oder abwerten, ein hohes Geltungsbedürfnis haben und bewundert werden wollen (im Tango nicht  so selten),… geht auf Kosten unserer Tanzpartner, hat viele Gesichter und meistens nur wenig mit Respekt zu tun. Vielleicht habe ich das nötig, weil ich mich selber nicht annehmen und nicht wertschätzen  kann? Wenn ich weiß, wer ich bin und was ich kann, bin ich in meiner Achse, stehe aufrecht und werde nicht übergriffig auf den anderen. Den Mut zu haben, zu sich und seinen kleinen Fehlern zu stehen, ist auch Selbstachtung und so kann ich dies auch dem anderen gelassen zugestehen. Tango kann neben der Freude am Tanzen ein Weg sein, etwas mehr über sich selbst zu erfahren. Ob Ihr`s nun wollt oder nicht: Tango funktioniert nur mit Respekt, und der fängt bei sich selber an. Dann klappt`s auch mit dem Partner.

 Rückblende auf den Sommerworkshop mit Norbert van Appeldorn

Gourmetrestaurant contra Fast Food- Restaurant

Ich hatte ihn schon fast aus den Augen verloren: meinen einstigen Lehrer Norbert, der meine  Suche nach dem Tango viele Jahre lang begleitet hat. Als ich auf der Berliner Tangopiste unterwegs war, traf ich ihn wieder. Die Musik mit ihm zu tanzen ist wie in einem französischen Restaurant zu speisen: nicht gerade üppig, dafür aber ein intensives Erlebnis für alle Sinne und man bleibt immer etwas hungrig! Und weil ich noch ein Dessert haben mochte, und alleine schlemmen nicht so viel Spaß macht, habe ich Norbert zu uns geholt, um auch  Euch auf den Geschmack zu bringen. Seit vielen Jahren verbringt Norbert den  Winter in B.A. und erlebt dort den Tango als soziales Ereignis statt individualisierter Ausdrucksform. So ließ er uns durch seine Brille schauen: Den eigenen Tanz in ein gemeinschaftliches Tangofeld einfügen, dabei mit wenig Platz und ohne Figuren auskommen und trotzdem (oder vielleicht gerade deshalb?) erfüllt zu tanzen. Für viele Tänzer vielleicht nicht das, was sie sich unter Tango vorstellen. Tango ohne Außenwirkung und ohne tolle Figuren ist doch kein Tango, oder? Doch die Teilnehmer ließen sich von Norbert inspirieren und ihre Augen leuchten. Viele Tanzpaare auf engstem Raum, fragende Blicke, wie man verhindern kann, sich gegenseitig  anzurempeln. Überholen verboten-so lautete eine Regel. Es tanzt nicht jeder drauflos, wann und wie er will, sondern immer mit Blick auf die anderen Paare. Es geht los, wenn sich der „Raum“ bewegt, immer mit der Dynamik des „Raumes“ verbunden. Erstaunlich, dass gerade diese scheinbare Begrenzung zu viel mehr Freiheit beim Tanzen führt. Man tanzt in der Musik und mit dem Raum. Tanzen ganz ohne Stress, stattdessen stundenlang geschnurrt  und glücklich müde getanzt! Danke Norbert für die intensive  Zeit mit Dir! Du hast eine sehr dichte, konzentrierte Atmosphäre gezaubert. Es wirkt bestimmt noch lange nach. Norbert hat`s bei uns gut gefallen,  und er kommt auch gern mal wieder. Er fand Euch alle toll mit viel Potential…

Tango & Respekt

Was den Tango ausmacht,  ist eine Frage, die mir unter den Nägeln bzw. Füßen brennt, seit ich zu tanzen begonnen habe. Viel treffender ist es zu sagen, dass mir diese  Frage am Herzen liegt. Maria, meine argentinische  Freundin und Lehrerin ermutigte mich, die Antwort nicht nur auf technische  Fähigkeiten zu begrenzen oder in der Umarmung sowie der typischen  Musik zu suchen.  Da offenbarten sich mir u.a. Eigenschaften wie Wertschätzung und Respekt. Ob diese  entgegengebracht werden oder nicht, kann jeder (auch unabhängig vom Tango) fühlen und beobachten. Das Thema Respekt ist nicht so neu- in jedem Tangokurs wird man schließlich aufgefordert, die eigene Achse zu halten sowie die Achse des anderen zu respektieren. Mit fortschreitender Übung weiß man dann auch, was damit gemeint ist und je erfahrener, desto sicherer glaubt man sich im Umgang mit besagter  Achse. Ist das wirklich so oder machen wir uns da manchmal etwas vor? Und: was bedeutet das denn nun eigentlich? Also wenn ich ehrlich bin, nehme ich es in Sachen Wertschätzung und Respekt manchmal auch nicht so genau. Oft bemängele ich meine(n) Tanzpartner, ärgere mich über zu viel Spannung oder zu wenig oder darüber, dass er die Musik anders hört als ich usw. Die Aufzählung ließe sich fortsetzen und meine Unzufriedenheit auch. Wie wäre es, anzuerkennen, dass z.B. mein (Übungs)partner jemand ist, der auch mich mit meinen Fehlern und Schwächen „erträgt“, und wir die Verabredung haben, miteinander und voneinander zu lernen?! In Dresden beobachtete ich in einem Kurs ein Tanzpaar  (kein Ehepaar!) in Aktion. Dass er schon länger tanzt als seine Tanzpartnerin  war unschwer zu erkennen. Dauernd kritisierte  und korrigierte er sie, manchmal mit Worten, manchmal auch mit Blicken, wobei auf seiner Stirn der  Subtext  lief, dass alles sowieso zwecklos ist. Auf einer Milonga habe ich erlebt, wie eine relativ unsichere Tänzerin nach einem Tanz von ihrem Tanzpartner abserviert wurde, weil dieser sich scheinbar zu Höherem berufen fühlte. Machen uns längere Tanzerfahrung und ein paar mehr technische Grundlagen zu besseren Menschen oder gar zur herrschenden  Kaste? Vielleicht können wir vor den anderen mit einem ungleichen Tanzpartner nicht so  glänzen, wie wir es gerade möchten? Schließlich wollen wir beweisen, dass wir „es“ draufhaben, wenn nur nicht der Partner  so ein Volltrottel wäre. Die eigenen Unsicherheiten spüren und auf den Partner zu übertragen ist übrigens für beide nervig und keiner fühlt sich dabei wirklich wohl, oder? Die Entscheidung, mit jemandem zu tanzen, haben wir freiwillig getroffen. Warum also nicht dazu stehen und sich auf den anderen zubewegen, sich auf ihn einlassen und ihm ein gutes  Gefühl geben? Und sich selbst natürlich auch! Wenn dies beide wollen, dann ist der Weg geebnet. Aber was tun, wenn die Chemie einfach nicht stimmt? Über`s Parkett getrieben zu werden, in Figuren gezerrt und geschoben zu werden immer auf der  Überholspur vorbei an den anderen Tanzpaaren und vor allem an sich selber muss man bzw. Frau sich nicht abholen. Den anderen ausbremsen und sich mehr Zeit und Aufmerksamkeit einfordern wird bei derlei Solonummern nicht gehört. Respekt hin oder her- der andere soll sein, wie er ist, aber gerne mit jemand anderem. Nach einem Tango kann man sich in diesem Fall respektvoll bedanken und aus Respekt vor sich selbst  lieber auf der Bank sitzen bleiben.

Macht Tangotanzen eigentlich Spaß?

Erlebt und nach-gedacht

Es ist sehr aufregend, mit jemandem zu tanzen, dessen sportlich-dynamischer Stil schon beim Zuschauen schweißtreibend ist. Noch während ich überlege, ob mein Transpirationsschutz zuverlässig ist, befinden wir uns schon auf unserer gemeinsamen Tangoreise. Es geht gleich turbulent zur Sache. Bei gefühlter Windstärke 7-8 wirbeln wir umeinander herum. Meine hohen Beinschwünge schneiden sich durch die eine oder andere Bö. Seine plötzlich herbeigeführten Stopps fühlen sich an, als hätte sich der Wind ruckartig gelegt, um uns dann erneut herauszufordern. Schon werde ich rücklings in den Wind geworfen, lehne mich an und werde gleich darauf in einen Strudel aus Drehungen und Haken verwickelt. So kreisen wir, Hindernisse gekonnt umschiffend, übers Parkett. Mein Kapitän manövriert uns sicher und geschickt zum Heimathafen. Alle Achtung. Er bedankt sich für unser gemeinsam durchlebtes Abenteuer, welches sich so nicht wiederholen lässt. Mit rot-glühendem Gesicht und leuchtenden Augen sagt er, dass es ihm Spaß gemacht hat. Natürlich! Die Begeisterung war ihm schon auf der Tanzfläche anzumerken gewesen- viel ausdrucksvoller, als Worte dafür gefunden werden können. Ich spürte seinem Satz nach. Ich war ein wenig aus der Puste gekommen und ja: es hatte auch mir Spaß gemacht, wenn nicht sogar Vergnügen bereitet, den Unwägbarkeiten auf hoher See zu begegnen. Ich stellte fest, dass es nun nach 13 Jahren Tanzerfahrung für mich erst richtig losgeht mit dem Tangotanzen. Das allerdings habe ich vor ein paar Jahren schon einmal gedacht, nachdem die erste Euphorie und der erste Frust (und der zweite und dritte…) erfolgreich bewältigt wurden. Inzwischen habe ich meinen Körper erobert und fühle mich sicher mit mir und dem Raum um mich herum. Meine Hüftgelenke sind weich wie Butter, meine Beine locker, meine Füße beweglich…der Tango ist also vom Kopf in die Beine gerutscht. Und die Musik ist auch keine Nebensache mehr. Derart ausgerüstet kann ich nun mit meinem Gleichgewicht und der Musik spielen. Das habe ich mir erarbeitet und nun ist Erntezeit! Was für ein befriedetes Gefühl. Mit meinem Tänzer von eben hat es Spaß gemacht auszuloten, was alles in welcher Geschwindigkeit tanzbar ist, ohne dabei von Deck zu taumeln, um bei dem Bild zu bleiben. Mich auf meine Stabilität verlassen zu können gibt mir Ruhe und Vertrauen. Ich habe keine Angst mehr, etwas „falsch“ zu machen und fühle mich nicht mehr schuldig, wenn etwas nicht „geklappt“ hat. All dies erlaubt mir, loszulassen und mich einzulassen und dieses auch noch zu genießen. Ich fühle mich wie eine Frau, die alle Trümpfe in der Hand hat und darüber entscheidet, wann sie welchen Trumpf ausspielt und wie. Ganz klar- so macht es Spaß! Spaß haben beim Tangotanzen und (wirklich) Tango tanzen sind für mich dennoch zwei verschiedene Paar Schuhe. Mich in der Umarmung sicher und geborgen zu fühlen ist großartig. Und wenn dann auch noch jeder Schritt auf mich zu genauso gemeint ist, fange ich an zu schnurren, auch ohne extravagante Heber und Haken. Von meinem langjährigen Tanzpartner wünschte ich mir manchmal mehr Dynamik und überhaupt könnte er doch dieses und jenes besser machen. Aber eines macht er ganz sicher: er tanzt Tango!

Dezember 2013

Willkommen im Tangolito!

Nicht nur Ihr seid hier willkommen! Auch ich fühle mich jeden Tag freundlich und unaufdringlich begrüßt. Das Tangolito lädt zum Verweilen und Wohlfühlen ein und lässt den Alltag mit all seinen Erfordernissen und Notwendigkeiten ein wenig zurücktreten. Dabei wird es doch immer mehr zu meinem (alltäglichen) Tagwerk. Die Kurse vorzubereiten und anzuleiten macht hier nämlich besonders viel Spaß und das Tangolito inspiriert mich auf wundersame Weise. Vielleicht liegt das ja an der Offenheit des Raumes, die viel Kreativität entstehen lässt. Vielleicht hat Frank Meyer von der Firma Ebenholz mit jedem Quadratmeter Parkett die Freude und Begeisterung an seiner Arbeit  mitverlegt? Der Maler Sven Grohs seine stille Zufriedenheit an die Wände geschrieben? Wie auch immer: ich bin dankbar für diesen Raum, der vor einem Jahr mehr Utopie denn Realität war. Meine interessierte Nachbarin wollte wissen, ob es sich denn » lohnen « würde, ausgerechnet in Neubrandenburg einen Tangosalon zu eröffnen. Ich selbst hatte auch lange Zeit gezweifelt. Auf der einen Seite stand also mein langgehegter Traum, auf der anderen Seite die Erfahrung, dass das Tangotanzen nicht gerade ein Breitensport ist. In der Auseinandersetzung » Soll ich oder besser nicht?« gab es für jedes Argument dafür auch immer eines, was dagegen sprach. Diese Entscheidung auf der Verstandesebene zu klären hieße, sich auf endlose Diskussionen einzulassen und letztendlich auf meinem Traum sitzenzubleiben. Also habe ich mein Herz befragt. Da wusste ich, dass ich es machen will…für mich! Jeden Tag, wenn ich in die Atmosphäre des Tangolitos eintrete, weiß ich, dass es die richtige Entscheidung war. Ich bin froh über diesen Schritt und fühle mich wie eine Königin und jeden Tag willkommen.

Rückblende: Milonga mit Orchester

Die Milonga am 05.10.2013 war mit einem ganz besonderen Schmankerl ausgestattet. Robert Schmidt, international erfahrener Tangopianist und Orchesterleiter, präsentierte mit seinem Ensemble das Abschlusskonzert seines 3-tägigen Musikerworkshops. Sieben (aufgeregte) Musiker mit mehr oder weniger musikalischer Vorbildung spielten in interessanter Instrumentierung für uns zum Tanz auf. Die Tänzer ließen sich nicht lange bitten, und da ich begeistert mit von der Partie war, hab ich vor lauter Tanzen und Klatschen kein einziges Foto gemacht. Dafür habe ich die Eindrücke in meinem Herzen abgespeichert. Die Musiker waren von uns ebenso begeistert wie wir von ihnen und blieben noch den ganzen Abend und tanzten kräftig mit.

Gedanken über eine Tanda

Am Rande: Eine traditionelle Milonga besteht aus mehreren Tandas. Dazwischen wird eine Cortina- ein Zwischenstück gespielt.

Eine Tanda (= Reihe) besteht meist aus 4 Musikstücken, die vom Charakter ähnlich sind. Darauf kann man sich dann gut einlassen und erlebt keine ´Überraschung`. Mit der Cortina (=Vorhang) wird eine Tanda beendet und eine neue eingeleitet.

Neulich war ich auf einer Milonga mit unglaublich vielen Tänzern. Ich hatte also das Vergnügen, mit vielen unbekannten übers Parkett zu schrammeln, zu schweben oder zu fegen. Manchmal habe ich innerlich geschnurrt und manchmal war ich einfach nur  sauer und bockig- und zwar in eben dieser Reihenfolge.

Mir sind Tänzer begegnet, die mit viel Ruhe eine wohlgefällige Umarmung angeboten haben, in die ich mich nur noch reinzulegen brauchte. Grundstein für Vertrauen und Geborgenheit gelegt und der Schnurrfaktor hoch. Und andere, die gleich mit der Tür ins Haus fielen, ohne zu wissen, wer dort wohnt. Mögt ihr gerne überrumpelt werden? Ich für meinen Teil fühlte mich damit dann doch ein wenig überfordert. Schlecht Laune- Gefahr groß, Erlebnisfaktor ebenso- was hätte ich sonst mitzuteilen?

Beim Sinnieren über die Natur der Dinge und den Tango kommt mir plötzlich ein  Vergleich:

Eine Tanda mit jemandem zu tanzen könnte dem Lauf der Jahreszeiten entsprechen. Der erste Tango ist wie der Frühling: wie der erste Krokus sich vorsichtig aus der Erde schiebt, sucht man in der Umarmung behutsam nach einem gemeinsamen Wohlfühlen. So wie das erste Grün, zart noch und verletzlich, uns anlächelt, entscheidet der erste Tango mit nur ein paar Schritten darüber, ob und wie wir zueinander finden. Wir atmen auf (oder auch nicht). Dann kommt auch schon der betörende Fliederduft und es wird bunter. Das ist dann der zweite Tango, wo man Schritt für Schritt auslotet, was so alles geht. Üppig ist der Sommer und Spätsommer- da kann es im 3. Tango turbulenter zugehen und so wie in der Erntezeit die Mähdrescher rattern, ist das genau der richtige Zeitpunkt, auch beim Tanzen „schwerere Geschütze“ aufzufahren.  Nun können Herbst und Winter kommen, denn wir haben uns ausgetobt, lassen es abkühlen und wieder etwas ruhiger angehen. So können wir uns erfüllt und zufrieden in der Cortina voneinander verabschieden und behalten uns in angenehmer Erinnerung.

So habe ich es, selten zwar, erleben dürfen – das waren Augenblicke, in denen ich mich eins fühlte mit der Welt und mir.

Ein Appell an die Männer: Lasst es bitte nicht gleich im ersten Tango krachen. Worauf sollen wir uns denn sonst noch freuen, wenn gleich alle Pfeile auf einmal verschossen werden?

Ein Appell an die Frauen: Erwartet nicht zu viel von den Männern und seid nicht so voreilig!